Die Gründer der Gaststätte ″Sibirien″: Otto und Magdalene Thormählen

Geschichte

Der Name „Sibirien“ weckt in den meisten Menschen Gedanken an Kälte und Einsamkeit. Elmshorner verbinden mit Sibirien“ ein Naherholungsgebiet und seit nunmehr 100 Jahren auch ein gastliches Haus im Norden der Stadt. Der Name für unser Elmshorner „Sibirien“ stammt aus dem Volksmund und bezeichnete eine vor 100 Jahren einsame Gemarkung mit Moor-, Wald- und Heideflächen und einem Bauernhof mit einem kleinen Teich.

Der Anfang

1890 kam Otto Thormählen aus Klein Sonnendeich und kaufte 1892 den Hof „Sibirien“ von H. Thams, der auch am Elmshorner Walfang beteiligt war. Übrigens liegt auch seit dieser Zeit schon der Anker des berühmten Elmshorner Walfangschiffes Flora“ am Teich in „Sibirien“.

Mit einer Kuh, die Otto Thormählen in Sparrieshoop kaufte, folgte ihm auch die Melkerin Magdalene Brandt als seine Ehefrau nach „Sibirien“. 1893 wurde Gustav geboren, es folgten noch drei weitere Kinder: Frieda, Heinrich und Gertrud.

Am 11. Mai 1900, es war der Himmelfahrtstag, wurde auf Anraten der Jäger und des Elmshorner Bürgermeisters das „Etablissement Sibirien“ als Ausflugslokal am Stadtrand eröffnet. Keimzelle der Gaststätte war das heutige „Clubzimmer“. Schon bald wurde die Gaststätte vergrößert, es folgte die Gaststube als Veranda, ein Musikpavillon und ein Gartenhaus.

Dort wo heute das Privathaus steht, gab es einen Kaffeegarten am Teich, sowie einen kleinen Zoo mit Fasanen, Pfauen und sogar einem Affen. Die drei großen Lindenbäume erinnern noch heute daran.

Damals kamen die Gäste zu Fuß oder mit der Kutsche. Das Land für die Promenade nach „Sibirien“ vom heutigen Fuchsberger Damm aus und den Birkenweg als Verbindung nach Kaltenweide erhielt die Stadt Elmshorn durch einen Landtausch mit Otto Thormählen. Sonntags kam man auch gern mit „Kuddl Barmstedt“ direkt zum Bahnhof „Sibirien“. Fahrkarten konnte man damals noch in der Gaststätte kaufen.

Zunächst brachten die Gäste den gemahlenen Kaffee selbst mit und erhielten lediglich Kaffeekannen, Geschirr und kochendes Wasser. Außerdem gab es bunte Brause, Flaschenbier, Kümmel-, Bitter- und Pfefferminzschnäpse, Korintenstuten, Mettwurst- und Schinkenbrot. Tabakwaren und Schokoladenrollen aus dem vielen alten Elmshornen noch bekannten „Gartmannautomaten“ rundeten das Angebot ab. Noch vor einigen Jahren wurde nach dem blauen Automaten gefragt.

 Die Keimzelle der Gaststätte im heutigen ″Clubzimmer″

Die Keimzelle der Gaststätte im heutigen ″Clubzimmer″

Impressionen aus „Sibirien“ auf alten Postkarten

Natürlich war auch die frische Kuhmilch aus dem eigenen Stall heiß begehrt, so daß an manchen Tagen noch beim Nachbarhof zugekauft werden musste. Bedürftige Kinder aus Elmshorner Schulen erhielten in „Sibirien“ ein großes Glas Milch und zwei halbe Brötchen. Die Stadt Elmshorn unterstützte das Projekt.

Bis zum 1. Weltkrieg gab es eine rasche Aufwärtsentwicklung. Neben der Vergrößerung des Lokals wurde auch die Landwirtschaft, die zu dieser Zeit noch die Haupterwerbsquelle darstellte, durch Landzukäufe und den Bau neuer Ställe weiter entwickelt. 1914 umfaßte der Hof etwa 40 ha.

Der 1. Weltkrieg brachte auch für „Sibirien“ einen großen Umbruch. Gegen Ende des Krieges wurde die Gaststätte geschlossen und erst 1920 wieder eröffnet.

 Gustav Thormählen mit seiner Frau Madga

Gustav Thormählen mit seiner Frau Madga

Die zweite Generation

Mitte der 20iger Jahre kam es zum ersten Generationswechsel. Otto Thormählen und Madgalene bauten sich das Haus Sibirien 8 (heute Pflanzencenter Sibirien) als Alterssitz und gleichzeitig als Wohn- und Betriebsgebäude für Sohn Heinrich Thormählen und dessen Ehefrau Olga. 1926 heirateten Gustav und Magda geb. Meyn und übernahmen die Landwirtschaft und Gaststätte. Drei Söhne wurden geboren: Ernst Otto, Walter und Günter.

Auch in der schwierigen Zeit bis Mitte der 30iger Jahre war „Sibirien“ am Sonntag stets ein beliebtes Ausflugsziel. Bis zum 2. Weltkrieg ging es wieder bergauf. Es fanden große Zeltfeste von Betrieben und Vereinen statt.

1938 wurde der Teich vergrößert, um Sand für den Damm der damals schon im Bau befindlichen B5 zu gewinnen. So entstand ein beliebter Badesee für Gäste aus Nah und Fern, der bis zum Bau des Elmshorner Freibades genutzt wurde.

Bau der (alten) B5, links die Brücke über Kuddl Barmstedt, rechts Lorenbahn am Teich.

Die Kriegsjahre

Auch „Sibirien“ blieb vom Krieg nicht ganz verschont. Bomben trafen den Schweinestall, der total ausbrannte. Die Vorderfront wurde durch eine Luftmine beschädigt, die am Waldweg einschlug. Glücklicherweise konnten die an mehreren Stellen durch Bomben entstandenen Brände (Scheune, Diele, Gastzimmer, Musikpavillon) rechtzeitig gelöscht werden. Nach dem Krieg erhielten zwei kinderreiche Flüchtlingsfamilien Unterkunft in der Veranda.

Nach dem Ende des Krieges blieb die Landwirtschaft der wichtigste Erwerbszweig. Für Familien und Betriebsfeste gab es zunächst nur „Heißgetränk“ im Winter und rote oder weiße Brause im Sommer zur Wahl.

Ansonsten brachten die Gäste Lebensmittel und Getränke selbst mit. In der Gaststätte war die monatliche Ausgabe von Lebensmittelkarten und Bezugscheinen für das Gebiet der Siedlung, auch die ersten Wahlurnen standen in „Sibirien“.

 Gustav Thormählen

Gustav Thormählen

Zu dieser Zeit wurde im Winter das Eis aus dem Teich in die Kühlhäuser der Stadt gebracht, um genügend „Kühlmittel“ im Sommer zu haben .

Nach der Währungsreform konnte 1949 die beschädigte Vorderfront repariert werden. Die Steine wurden mit dem Pferdefuhrwerk aus der Ziegelei in Raa geholt. Der Weg nach Sibirien“ war zu dieser Zeit sehr schlecht und wurde selbst mit Trümmerschutt geflickt. Mit dem Wiederaufbau kam 1954 die öffentliche Wasserversorgung. Vorher stand nur mooriges Wasser zur Verfügung. Zu großen Festen und am Wochenende brachte der Milchwagen in den leeren Milchkannen frisches Wasser von der Meierei. Mitte der 50iger Jahre wurde die erste Zentralheizung installiert, auch der große Parkplatz entstand zu dieser Zeit mit Beton der EBO Brücke (Eisenbahn Elmshorn-Barmstedt-Oldesloe). 1955 wurde dann auch die Umgehungsstrasse eröffnet, und die Zahl der Gäste nahm kontinuierlich zu. Weiterhin blieb aber die Landwirtschaft ein wichtiger Betriebszweig.

Links: Der Kaffeegarten in den 50iger Jahren, links im Bild ist noch das Gartenhaus zu erkennen.
Rechts: Festumzug beim EBO Betriebsfest nach „Sibirien“

 Gustav Thormählen mit seiner Frau Madga

Gustav Thormählen mit seiner Frau Madga

Der neuerbaute Seeblick und das Schützenhaus im winterlichen „Sibirien“

 

Die dritte Generation

1956 heirateten Ernst Otto Thormählen und Gisela Brandt und übernahmen die Gaststätte in dritter Generation. Ernst Otto hatte nach dem Kriege eine Ausbildung als Landwirt absolviert und anschließend im Gaststättengewerbe volontiert. Gisela besuchte die landwirtschaftliche Fachschule und sammelte Erfahrungen in Mangels Hotel und in der Seegaststätte Barmstedt. Mit frohem und jugendlichen Elan packten sie den weiteren Aufbau an.

Drei Kinder, Bernd, Heike und Anette wurden geboren und wuchsen zusammen mit Landwirtschaft und Gaststätte auf. Pferde, Kühe, Schweine, Wassergeflügel, Hühner gehörten zum Hof, der auch Gemüse und Kartoffeln erzeugte, das in der Gaststätte verkauft wurde.

Die Zahl der Ausflugsgäste stieg kontinuierlich an, auch in der Woche kamen immer mehr Gäste. Viele Reisebusse machten auf ihrem Weg zur Nordsee Station in „Sibirien“, ob spät abends oder um 4 Uhr morgens, Familie Thormählen war immer für sie da. Die Weide vor der Gaststätte wurde zum Campingplatz umfunktioniert, der sogar vom ADAC empfohlen wurde.

Nach dem Krieg wurde in der Nähe der Gaststätte die Sendefunkstelle „Sibirien“ aufgebaut, deren über 50 Masten ein weithin sichtbares Wahrzeichen Sibiriens“ darstellten. Der Sender „Sibirien“ war für einige Jahrzehnte ein wichtiges Kommunikationstor zur Welt. Erst mit der Entwicklung der Satellitenkommunikation wurde der Betrieb der Sendefunkstelle Ende der 90iger Jahre eingestellt und damit verschwanden auch die Sendertürme. Einer der letzten war der weithin sichtbare Weihnachtsbaumturm, der viele Jahre zur Adventszeit den Himmel über „Sibirien“ erhellte.

1962 erhielten die „Wilhelm Tell“ Schützen für mehr als drei Jahrzehnte ihre neue Heimat in „Sibirien“. Zunächst wurde im Kuhstall geschossen, der die erforderliche Länge von 10 Metern aufwies. Später wurden an der Stelle des Musikpavillons 12 Schießstände errichtet, wobei der Wirt das Grundstück und das Baumaterial zur Verfügung stellte und die Schützen selbst Hand anlegten.

Auch viele andere Vereine haben ihr Zuhause in Sibirien“ gefunden. Der älteste ist der Sparclub „Sibirien“, der 1948 gegründet wurde. Aber auch der Siedlerverein, die Elmshorner Landfrauen, die Kakteenzüchter, die Tauben- und Ziervogelzüchter, der Sparrieshooper Sportverein, sowie die Jäger und die Feuerwehren Elmshorns und der Umlandgemeinden haben z.T. schon seit vielen Jahren ihre Heimat in „Sibirien“ und richten auch ihre Ausstellungen und Vereinsfeste hier aus.

Besonders mit „Sibirien“ verbunden sind auch viele Mitglieder der katholischen Kirche in Elmshorn. Seit Jahrzehnten findet die traditionelle Fronleichnamsprozession am Sonntag nach Fronleichnam in Sibirien“ statt. 300-400 Gläubige treffen sich zum Gottesdienst im Garten der Gaststätte und anschließender Prozession um den Teich.

1963 wurde ein langgehegter Wunsch realisiert: Ein Saal (der „Seeblick“) mit auch heute noch moderner Architektur wurde gebaut.

Fronleichnamsprozession am Teich in „Sibirien“

 

„Sibirien“ aus der Vogelschau in den 60iger Jahren. Vor dem waldumsäumten Teich ist die Gaststätte „Sibirien“ mit ihrem neuerbauten Saalgebäude, dem „Seeblick“, mit seinem eigentümlichen Zickzackdach, deutlich zu erkennen. Schräg dahinter, dort wo heute das lichtdurchflutete „Medaillon“ steht, befindet sich noch der alte Schweinestall.

Neben der Gaststätte, die eine immer größere Zahl von Gästen begrüßen konnte, erlangte auch das Naherholungsgebiet „Sibirien“ immer größere Bedeutung. Ausflügler nutzen nun schon seit 100 Jahren das von der Familie Thormählen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellte Privatgelände mit Wald und Teich zum Spaziergang, Enten- und Karpfen füttern und im Winter zum Schlittschuhlaufen.

1964 kam als weitere Attraktion für das Naherholungsgebiet „Sibirien“ die Minigolfanlage hinzu. Diese erfreut sich auch bis heute noch bei jung und alt sehr großer Beliebtheit.

Die Bedeutung der Landwirtschaft ging immer weiter zurück. Sie wurde als Nebenerwerb mit Hilfe eines Landarbeiters, der 33 Jahre in „Sibirien“ verbrachte, erhalten. Viele werden sich an unseren „Willi“ noch gerne zurückerinnern. Für den eigenen Bedarf wurden bis zu 20 Schweine und 16 Rinder im Jahr geschlachtet. Die Landwirtschaft wurde schließlich bis auf die Bewirtschaftung des Karpfenteiches eingestellt. Nach dem alljährlichen Abfischen im Spätherbst, zu dem sich auch stets viele freiwillige Helfer gesellen, werden die Karpfen frisch aus dem eigenen Gewässer in der Gaststätte serviert. Die alten Stallgebäude dienen heute als Lagerräume, z.T. auch für die in „Sibirien“ regelmäßig ausstellenden Vereine.

Eröffnung der Minigolfanlage im Jahre 1964

 

Links: Unser ‚Willi“, Rechts: Das alljährliche Abfischen des Teiches im Herbst erfreut sich schon seit vielen Jahren großer Beliebtheit.

 

1976 wurde die vorerst letzte Erweiterung der Gaststätte, das lichtdurchflutete „Medaillon“ eingeweiht und sogleich von unseren Gästen gut angenommen. Nun verfügte „Sibirien“ über attraktive Räumlichkeiten für Gesellschaften von 10 bis 120 Personen:

  • Clubzimmer (20 Personen),
  • Veranda (bis 60 Personen),
  • Medaillon (bis 45 Personen) und
  • Seeblick (bis 120 Personen).

Mit dem Bau der Westküstenautobahn (A23) ebbte der tägliche Besucherstrom deutlich ab, doch durch die rechtzeitige Umorientierung auf die Bewirtung von Gesellschaften gelang es, den Betrieb erfolgreich weiter zu führen.

Errichtung des „Medaillons“ im Jahre 1976

Familienbild anlässlich des 100-Jährigen

Die vierte Generation

Nach dem erfolgreichen Abschluss ihres forstwissenschaftlichen Studiums übernahm Heike Thormählen 1996 den elterlichen gastwirtschaftlichen Betrieb. Schwester Anette kam nach dem Geographiestudium dazu und vervollständigte das Duo, welches die Gaststätte Sibirien bis heute erfolgreich führt.

Im Jahr 2000 konnte die Gaststätte „Sibirien“ auf hundert Jahre Geschäftstätigkeit zurückblicken. Natürlich wurde dieses Jubiläum groß gefeiert — typisch „Sibirien“, mit einem großen, generationsübergreifenden Familienfesttag.

Von der Traditionsgaststätte zur Eventlocation

Zwei Jahre später wird der Wandel hin zur Eventgastronomie ein Stück weiter vollzogen. Aus der bisherigen Gaststube wird der neue Fest- und Veranstaltungssaal „Veranda“.

Dabei gerät die Vergangenheit nicht in Vergessenheit – das zeigt beispielsweise Erhalt und Optimierung  der bisherigen Qualitätsstandards und die Weiterentwicklung des gastronomischen Angebots. Das zeigt sich aber auch darin, dass man die alten Wandbilder, die beim Umbau der Gaststube im Jahr 2002 entdeckt wurden, liebevoll restauriert hat und jetzt stolz in der neuen „Veranda“ präsentiert.

Seit 2009 können Paare nicht nur wie bisher gewohnt die Location für Ihre Hochzeitsfeier nutzen, sondern sich da Ja-Wort auch im idyllischen Garten, direkt am See,  geben.

Zu jedem Anlass lädt die große Gartenanlage zum Verweilen ein und bietet zu jeder Jahreszeiten ihren ganz eigenen „sibirischen“ Charme .

2011 hieß es: 111 Jahre „Sibirien“ — ein besonderes Jubiläum. Das Eventhaus am See feierte diesen Anlass mit zwei Festen, bei denen die Gäste Küche und Service übernahmen und das „Sibirien“-Team erstklassig umsorgten — so, wie sie es sonst umgekehrt gewöhnt sind.

Jogger und Walker werden schon lange vom Weg um den „Sibirien“-See angezogen. Im Februar 2014 wurde die Rundstrecke zum Austragungsort des 1. Sibirien-Marathons, 59 Runden mussten absolviert werden, um die olympische Distanz von 42,195 km zu knacken.

Die Gaststätte Sibirien zeichnet sich durch die Einzigartigkeit eines jeden Events aus. Egal ob 90. Geburtstag, Hochzeitsfeier oder Firmenevent: Sibirien bietet noch viel Raum für innovative Perspektiven und kreativen Raum für Feiern, für Veranstaltungen und für die besondere Gastlichkeit!

Ihre Familie Thormählen